Vor allem dem Tourismus-Europameister Spanien machen seine Erfolge zu schaffen
Die weltweiten Treibhausgasemissionen haben erneut einen traurigen Rekordwert erreicht. Dem letzten Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP mit dem Titel Off Target (Am Ziel vorbei) zufolge lagen sie 2024 bei 57,7 Milliarden Tonnen und damit 2,3 Prozent höher als im Vorjahr.
Einen ähnlichen Anstieg gab es zuletzt in den 2000er-Jahren – vor Abschluss des Pariser Klimaabkommens. Dessen 1,5-Grad-Grenze für die globale Erwärmung wird dieses Jahrzehnt überschritten. Bis zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert das UN-Umweltprogramm auf Basis der gegenwärtigen Klimapolitik eine globale Erwärmung um 2,8 Grad.
Das schlechteste Zeugnis stellte die UN in dem Bericht dabei dem Luftverkehr aus: In den meisten Wirtschaftssektoren seien die Treibhausgasemissionen gestiegen, „besonders ausgeprägt war der Anstieg jedoch im internationalen Luftverkehr“ – mit einem Plus von 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Den Anteil des internationalen Flugtourismus an allen klimaschädlichen Emissionen schätzen Fachleute mittlerweile auf acht Prozent. In Sachen Klimaschutz haben die internationalen Luftfahrtverbände bislang nur die Absicht erklärt, bis 2050 klimaneutral fliegen zu wollen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hält das für unrealistisch und sieht keinen Weg, das Ziel zu erreichen. Derzeit ist seine Airline noch mit etlichen Uralt-Flugzeugen unterwegs. Neue Maschinen würden 25 Prozent weniger Treibhausgas emittieren. Doch diese flögen wieder 30 Jahre lang und damit über 2050 hinaus, das angebliche Jahr der Klimaneutralität.
Es gibt Konzepte für Kurzstrecken-Elektroflieger und die bloße Ankündigung, irgendwann Kerosin durch nachhaltigen Kraftstoff zu ersetzen. Doch realen Klimaschutz hat die Branche nicht im Angebot. Die internationalen Luftfahrtverbände werden in diesem Jahrhundert kaum Klimaneutralität erreichen. Stattdessen planen sie binnen zwanzig Jahren eine Verdopplung des Luftverkehrs.
Neuer Tourismusboom in Europa
Die europäische Tourismusindustrie boomt seit dem Ende der Corona-Pandemie und nach Übernachtungszahlen ist Spanien Europameister. 94 Millionen ausländische Touristen wurden dort 2025 erstmals gezählt. Lange vor Corona hatten Spaniens Tourismusverantwortliche erkannt, dass Sonne und Strand nur ein Standbein sein können und für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg mit Events, Angeboten im Kulturbereich, mit Städte- und Naturtourismus ergänzt werden müssen.
Dieses Konzept, über angeblich nachhaltigen Tourismus Gästezahlen zu steigern, versucht die Tourismusmarketingorganisation Visit Berlin in kleinem Maßstab zu kopieren. Das leitet die Touristifizierung weiterer Hauptstadtquartiere ein, statt die Probleme des Overtourism, wie die Branche das nennt, in Stadtteilen wie Berlin-Mitte anzugehen.
Die Nachhaltigkeitsdebatte im Tourismus klammert seit Jahrzehnten zwei Tabubereiche aus: die Anreise, also den Flugtourismus, und das Wachstum der Branche durch steigende Gästezahlen. Stattdessen entwickeln Touristiker*innen Konzepte zur Besucher*innenlenkung, zur Saisonverlängerung oder für betriebliches Management von Beherbergungsbetrieben.
Der Europameister Spanien könnte Opfer seines Erfolges werden. Die Proteste gegen Überlastung der Stadtquartiere werden häufiger und härter. Auch wenn Graffitis wie „Deutsche raus“ in Barcelona noch die Ausnahme sind, kippt wegen der Verdrängung auf dem Wohnungsmarkt und der Gentrifizierung von Stadtvierteln dort die Stimmung.
Auf Barcelonas Wohnungsmarkt sind inzwischen fast 20 Prozent des Angebots Kurzzeitvermietungen – ein Trend, der auch in Berlin zu beobachten ist. Apartments für Tourist*innen dominieren ganze Häuserblocks oder Straßenzüge. Dabei geht es keineswegs um gelegentliche Zimmervermietungen, wie der Chef der Tourismusplattform Airbnb und Milliardär Brian Chesky weismachen will.
Eine Untersuchung für die Stadtregierung von Barcelona zeigte, dass die Hälfte solcher Wohnungen Eigentümerinnen gehört, die mindestens zehn solche Einheiten besitzen, und dass sich darunter etliche Hoteliers befinden. Vergangenen Sommer erklärte das spanische Verbraucherschutzministerium 55.000 Inserate auf Airbnb für illegal, weil sie nicht lizenziert waren. Umsetzen und kontrollieren müssen das Verbot örtliche Behörden, die dazu – wie etwa auch in Berlin – nicht willens oder fähig sind.
Brennpunkt Mallorca
Auf den Balearen kippt ebenfalls die Stimmung. Beschäftigte der Tourismusindustrie und selbst des Öffentlichen Dienstes können sich auf Mallorca oder Ibiza das Leben nicht mehr leisten. Die Inseln, einst auch klassische Urlaubsziele der spanischen Mittelschicht, sind heute für Spanier*innen teurer als ein Urlaub in der Karibik. Statt einer Überfahrt mit der Fähre ist nun der Fernflug in die Dominikanische Republik oder nach Mexiko angesagt, bei dem mehr CO₂ emittiert wird als mit dem Pkw im ganzen Jahr. Am Flughafen Palma de Mallorca werden an Wochenenden in der Hochsaison dennoch weiter 3.000 Flüge abgewickelt. Mallorca gilt heute auch als hippes Ziel für New Yorker*innen, es gibt in die US-Metropole eine direkte Flugverbindung.
Im Tourismus haben wir kein Erkenntnisproblem, sondern Handlungsdefizite. Regierungen sind den Kapitalverwertungsinteressen der Industrie nicht gewachsen oder befördern sie. Die Maßnahmen gegen die Auswüchse im Tourismus in Spanien sind kaum mehr als weiße Salbe, da gleichzeitig die grundlegenden Strukturen ausgebaut werden. Trotz Overtourism ist in den touristischen Hotspots der Ausbau der Flughäfen für Millionen zusätzlicher Passagier*innen geplant. Besonders problematisch ist der Ausbau der Verbindungen mit China und Indien, die Fernasien als neuen Quellmarkt erschließen sollen.
Der Treiber des Tourismus ist die Luftfahrtindustrie. Lufthansa und die Großflughäfen haben sich in Lobby- und Marketingorganisationen wie der Deutschen Zentrale für Tourismus bestimmenden Einfluss gesichert. Ihre Lobbytätigkeit dort lassen sie sich auch noch mit zig Millionen aus dem Bundeshaushalt subventionieren.
Schädlicher Luxustourismus
Dem Luxustourismus folgen oft Luxusimmobilien auf dem Fuße. Zuweilen wird schon mal für eine Person eine ganze Bucht erschlossen. Es entstehen zunehmend Gated Communities, geschlossene Wohnanlagen, deren Zugang überwacht wird. Landschafts- und Ressourcenverbrauch sind im Luxussegment viel höher als im viel gescholtenen Massentourismus. In der Upperclass wird oft mit Privatjets in den Urlaub geflogen, wie eine Studie von Greenpeace zeigt.
Ressourcenverbrauch und Müllproduktion sind in einem 5-Sterne-Hotel ungleich größer als in einfacheren Unterkünften. Das zeigte etwa eine Studie der Universität Girona im Auftrag Barcelonas. Nach der Konsolidierung der Hotelbranche im Zuge der Corona-Pandemie hat die Zahl der Luxushotels deutlich zugenommen und diese können immer höhere Preise verlangen. Dabei ist deren lokale Wertschöpfung gering. Denn Hotelketten und Fluggesellschaften zahlen vor Ort kaum Steuern.
Spanien ist europaweit die am stärksten wachsende Volkswirtschaft. Das geht auch auf den Tourismusboom und die Integration von Millionen Migrant*innen in den Arbeitsmarkt zurück. Führende Wirtschaftszeitungen wie El Economista warnen aber bereits vor ungesundem Wirtschaftswachstum in Sektoren mit schlecht bezahlter Arbeit. Denn das beeinträchtige die Produktivität auch in anderen Sektoren. Genau das habe die Grundlage für den völligen Zusammenbruch Spaniens in der letzten Finanzkrise geschaffen.
Luxustourismus produziert große Mengen Müll und es wäre besser für Mensch und Umwelt, ihn genauso wie Müll zu vermeiden. Gleichzeitig kann sich ein Drittel der Deutschen keinen Urlaub leisten. Das zu ändern, wäre ein lohnendes Ziel von Tourismuspolitik. Spanien hat etwa ein Institut für Senioren und soziale Dienste, die Organisation IMSERSO. Sie ermöglicht vor allem Rentner*innen mit geringem Einkommen, zu staatlich subventionierten Preisen spanische Ferienziele in der Nebensaison zu besuchen und dort zur Saisonverlängerung beizutragen.
Leider sind aus dem Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages immer nur Bekenntnisse zum weiteren Wachstum der Tourismusindustrie und zur Finanzierung der Deutschen Zentrale für Tourismus zu hören. Richtig wäre, die Förderung der Zentrale einzustellen und die Mittel zugunsten eines Programms der Bundesländer für sozialen Tourismus umzuwidmen, um die Teilhabe der armen Bevölkerungsschichten zu stärken.
Gerade der Luxustourismus sollte verstärkt besteuert werden. Großflughäfen und Regionalflughäfen für Privatjets sollten keine weiteren Privilegien und Subventionen erhalten. Die Business-, also die 1. Klasse, sollte wegen des Mehrverbrauchs in Linienflügen eingestellt werden. Die Kommunen müssen Hotelentwicklungspläne aufstellen und die Anzahl der Luxushotels beschränken. Zudem wären Touristenwohnungen in Milieuschutzgebieten zu verbieten.
Hans-Gerd Marian
(Dieser Artikel ist bereits erschienen in NATURFREUNDiN 2-26, dem Mitgliedermagazin der NaturFreunde Deutschlands.)

